Konsequente Ethik im Auslandstierschutz

Liebe Freunde und Förderer von PG, liebe Besucher unserer Homepage,

Dorothee Meinhardt hat für unseren befreundeten Verein Tieroase Birkenschold für Tiere in Not e.V. einen Artikel unter der Überschrift:
„Warum eigentlich ein Greyhoundbus – Gedanken dazu von Dorothee“ verfasst.
In dem Artikel beschreibt Frau Meinhardt das Schicksal der Greyhounds in Irland und England sehr genau, hat sie doch einige Zeit dort gelebt.

Wir bitten Sie sehr, diesem Artikel Ihre volle Aufmerksamkeit zu schenken, denn Frau Meinhardt spricht uns aus der Seele. Punkt für Punkt stimmen wir ihr zu. Wer den Artikel gelesen hat, der weiß, warum die Tieroase Birkenschold unter größten Anstrengungen einen Greyhoundbus erworben und so umgebaut hat, dass mehrere Greyhounds (und auch andere Rassen) in Irland aus den DogPounds abgeholt und artgerecht transportiert werden können. Und der geneigte Leser wird dann auch wissen, warum wir in unserer Freizeit den Aufbau unserer Pflegestelle voran treiben und Sie hin und wieder um eine kleine Spende bitten. Diese Hunde brauchen uns, da sie in ihren Heimatländern eine „Wegwerfware“ sind – diese wundervollenTiere!

Warum es den Tieroasen-Bus gibt oder: Konsequente Ethik im Auslandstierschutz

Während des Sommerfestes konnte man ihn betrachten – den großen, grünen Mercedes- Sprinter Bus, mit dem bereits viele Greyhounds in die Tieroase und auch zu anderen Organisationen außerhalb Irlands transportiert werden konnten, um so in Familien vermittelt zu werden und einem ungewissen Schicksal in ihren Herkunftsländern beziehungsweise der Tötung zu entgehen.

Ein riesiger Greyhound prangt auf ihm und das ‚Starfish Poem’, das Credo all jener, die sich um jedes einzelne Tier bemühen und niemals aufgeben – trotz des immer gleichen Einwands, dass man so das Grundproblem einer strategischen Überproduktion von Windhunden in Irland, Großbritannien oder Spanien nicht lösen kann.

Ja, das Problem ließe sich nur über eine stringente gesetzliche Regulierung in der EU lösen, die jede Form der tierlichen Ausbeutung wie kommerzialisierte Windhundrennen oder auch die spanische Hasenhatz verbietet. Dies würde jedoch zunächst ein Bewusstsein für die Problematik und ein Umdenken in der Bevölkerung voraussetzen. Beides ist derzeit Zukunftsmelodie.

Warum?

Windhundrennen sind in Großbritannien der drittwichtigste Zuschauersport – das Wettmedium ‚Greyhound’ generiert milliardenschwere Jahresumsätze. Es handelt sich um eine riesige Industrie, die im Falle Irlands auch noch zum einen zu 50% in staatlicher Hand ist und staatliche Zuwendungen genießt sowie zum anderen durch EU-Subventionen für strukturschwache Agrarräume unterstützt wird.
Wir alle hier in Europa finanzieren die Grausamkeit der Industrie also mit.
Rund 75% aller in Irland produzierten Hunde werden nach Großbritannien oder auch in die USA, nach Neuseeland und Australien exportiert, ohne, dass die Zucht dachverbandlich reglementiert oder überwacht wäre. Auch die Zucht ist also ein riesiges Geschäft in einem strukturschwachen Land. Der Staat verdient, Trainer verdienen, die Rennbahnbetreiber und ihr Personal, die Wettbüros, die Werbebranche, ja und letztlich werden auch die Arbeitsplätze
von Tierärzten und Vivisektionslaboren durch die Industrie finanziert.

Darauf zu hoffen, dass in absehbarer Zeit ein Ende der kommerzialisierten Windhundrennen zu erreichen wäre, ist deshalb illusorisch.
Was geschieht nun mit den ausgedienten Renn- und Zuchthunden?
Viele Hunde werden noch auf der Rennbahn getötet, da sie aus ökonomischen Gründen schon bei Bagatellverletzungen für ihre Besitzer zu ’surplus dogs’ (Überschusshunden) werden. Der ökonomische Wert des Durchschnittsrennhundes in Großbritannien liegt bei ca. £50, etwa €58. Ein Formular, was beim Ausscheiden eines Rennhundes aus der lizensierten Industrie in GB ausgefüllt werden muss, sieht unter anderem extra die Tötung aus ökonomischen Gründen vor, man muss nur ein Kästchen ankreuzen und der Bahntierarzt erledigt diese Arbeit mit einer letalen Injektion.

Trainer halten oft hundert und mehr Hunde in ihren Zwingern. Alles, was kein Geld bringt, muss raus. Hier steht keine Tierliebe im Vordergrund, sondern ökonomische Interessen. Manche Hunde bleiben bei den Trainern und vegetieren dort vor sich hin. Andere werden weiterverkauft, verschenkt, auf Gumtree.co.uk angeboten (ähnlich eBay), an Jäger oder Labore abgegeben. Der Verbleib Tausender ist jedoch schlichtweg nicht nachvollziehbar. Sie
verschwinden, als hätten sie nie gelebt – namenlose Kreaturen in Statistiken, die noch
niemand geschrieben hat.

Einige Fälle der illegalen Entsorgung dieser surplus dogs wurden in den letzten Jahren durch den investigativen Journalismus oder die Arbeit der Tierschützer in GB und Irland bekannt. Der daraus resultierende öffentliche Unmut zwang die Industrie, öffentlichkeitswirksam über die Problematik der ausgedienten Rennhunde nachzudenken und Tierschutz- und Adoptionsprogramme ins Leben zu rufen.

Seit 1975 wurden über den britischen Rennverband rund 70 Vermittlungsstellen aus dem Boden gestampft, die Renngreyhounds als Haustiere vermitteln. Diese Organisation nennt sich Retired Greyhound Trust (RGT). Neben Festangestellten sind ca. 1.000 Freiwillige im Einsatz. Finanziert wird die Arbeit zu großen Teilen über den British Greyhound Racing Fund (BGRF). Von den rund 10.000 Rennhunden, die jährlich aus dem Renngeschäft aussteigen,
werden so offiziell knapp 4.000 vermittelt, jedoch ist diese Zahl unbereinigt, da z.B. ins Ausland verschickte Hunde mit eingerechnet werden. Für die übrigen Ex-Racer ist in den Aufnahmestellen kein Platz.

In Irland begnügt man sich seitens des Dachverbandes der Industrie mit der Stellungnahme, dass man um den Tierschutz bemüht sei, eine institutionalisierte Vermittlung existiert nicht.
Die britischen RGT-Rescues nehmen ausschließlich Hunde auf, die über den Dachverband
lizensiert wurden, also Ohrmarkierungen tragen und im Renngeschäft involviert waren. Für alle übrigen sind diese Stellen nicht zuständig. Sie landen entweder in den Dog Pounds (Tötungsstationen) oder werden anderweitig entsorgt.
Auch in Irland landen viele Hunde in Dog Pounds. Sie werden als Streuner von Hundefängern aufgegriffen oder dort abgegeben. Während andere Rassen erst nach 5 Tagen getötet werden dürfen, bleiben den Greyhounds 24 Stunden Lebensfrist, da ihre Vermittlungschance bei Null
liegt. Die Tötungsrate von Greyhounds liegt in Dog Pounds bei weit über 90%, denn insbesondere in Irland genießt der Greyhound ein Ansehen wie hierzulande Kampfhunderassen; zudem gilt er als Nutz- und nicht als Haustier.

Manche Hunde werden in ihr Herkunftsland Irland zurück transportiert. Entweder, um dort ohne öffentlichen Aufschrei getötet zu werden oder aber, weil sie dort über dubiose Kanäle zur Zucht, Jagd, im Labor oder anderweitig weitergenutzt werden. Der wohlklingende Euphemismus dafür ist ‚bringing them back to the farm’.

Neben den inländischen Vermittlungsstellen des RGT werden auch Hunde in das kontinentaleuropäische Ausland transportiert. LKW-Ladungen von ausgedienten Rennhunden erreichen so Vermittlungsstellen überall in Europa, auch in Deutschland. Die Hunde werden zumeist nicht abtrainiert, sondern landen ‚kalt’ direkt vom Rennzwinger im LKW. Zudem werden sie nicht an das Leben in der Außenwelt herangeführt. Für einen 3-4jährigen Hund,
der nichts weiter kennt als das Leben im Rennzwinger, ist dies oft hoch traumatisierend. Die Hunde werden vom Rennverband kostenfrei abgegeben. Nachdem das Leben des Hundes auf der Bahn schon keinen Wert hatte, werden sie nach ihrer ‚Karriere’ auch an manch zweifelhaft operierende Vermittlungsorganisation, die ohne Vorkontrollen Hunde abgibt, weitervermittelt. Die Greyhounds bleiben so weiterhin eine namenlose Ware, die lediglich
von A nach B verlagert wird. Diese Maßnahmen zielen insgesamt nicht auf ernsthaften Tierschutz ab, sondern dienen der Bereinigung der Statistiken, denn diese Hunde gelten dann als vermittelt via RGT und erscheinen nicht mehr als ungeklärte Fälle in den jährlichen Zahlen.

Zudem nimmt der RGT auch Tötungen vor – nicht nur von Hunden, bei deren Gesundheitszustand eventuell noch von einer ‚Erlösung’ zu sprechen wäre (wer beurteilt das?), sondern auch von Greyhounds, die als zu gefährlich (!) gelten, um sie vermitteln zu können. Das hat Peter Laurie, Ex-Trainer und amtierender Geschäftsführer des RGT, gerade erst wieder in einem Interview bestätigt.

Zusammenfassend lassen sich zwei Fakten festhalten:

– Der RGT arbeitet selektiv. Nicht für alle Rennhunde steht ein Rettungsplatz zur Verfügung. Und nur lizensierte Ex-Racer kommen in den Genuss einer
Weitervermittlung über den RGT. Rechnet man die Zucht mit ein, die nicht über das Greyhound Board of Great Britain lizensiert ist, kann man grob davon ausgehen, dass rund 50% aller Greyhounds in Großbritannien nicht in den Genuss eines RGTVermittlungsplatzes kommen.

– Die Transporte ins kontinentaleuropäische Ausland sind Öffentlichkeitsarbeit und somit Marketinginstrument. Die Verschiebung von Greyhounds in das Ausland oder zurück nach Irland ist ein lukratives Zusatzgeschäft und dient dem Reinwaschen des angekratzten Images der Industrie.

Neben den offiziellen Vermittlungsorganen gibt es in GB und Irland private Rescues wie zum Beispiel HUG (Homes for Unwanted Greyhounds), Erin Sighthounds, PAWS, TIA Greyhound&Lurcher Rescue, Kerry Greyhounds UK und viele andere. Diese Stationen sind private Organisationen, die keinerlei Zuwendungen seitens der Industrie erhalten. In Eigeninitiative arbeiten Tierschützer hier für jeden einzelnen Hund. Es werden Hunde aus Dog Pounds aufgenommen, von Trainern, Züchtern und Zigeunern freigekauft (in Irland ein massives Problem hinsichtlich des Tierschutzes), Hunde, die auf den rund 10 nicht lizensierten Rennbahnen (‚flapping tracks’) gelaufen sind, kranke, alte und optisch unattraktive Tiere finden dort einen sicheren Lebensplatz, oft bis an das Ende ihrer Tage. Jede Organisation hat ihre eigene Arbeitsweise, trägt ihre eigene Handschrift, doch in einem ist man sich einig: Mit diesen Ärmsten der Armen, die auf den Stationen landen, soll kein Geschäft mehr gemacht werden und man will sich die Unabhängigkeit von den übermächtigen Dachverbänden erhalten, um frei agieren zu können. Nur so bleibt gewährleistet, dass nicht nur die gesunden und lizensierten Hunde, sondern auch alte, kranke, traumatisierte Greyhounds und die Hunde aus den Dog Pounds eine kleine Chance haben.

Doch das hat einen enormen Preis.

– Das Geld ist knapp. Während der RGT sich sicher finanziert vermarkten kann, müssen private Vermittlungsstationen selbst Geld beschaffen. Dies ist neben dem Tagesgeschäft eine mühselige Arbeit. Für aufwändige Werbemaßnahmen ist schlichtweg kein Geld und keine Manpower über.

– Die Zeit ist knapp. Während der RGT bereits auf den Rennbahnen für seine Arbeit wirbt und jährlich auf über 500 Shows, Festen und Events präsent ist, bleibt den privaten Organisationen oft nicht die Zeit, sich der Öffentlichkeit bekannt zu machen und durch Präsenz oder aber durch Gespräche mit den Medien neue Adoptanten zu gewinnen.

– Das Interesse ist knapp. Die Vermittlung gestaltet sich schwierig. Wie bereits erwähnt, werden in Irland kaum Greyhounds vermittelt. Ohne die aktive Hilfe von außen, also durch Tierheime im Ausland, wäre keine effiziente Vermittlung möglich. Der nie abreißende Strom von immer neuen Hunden, die auf ein Zuhause warten, macht die Mithilfe aus dem Ausland unabdingbar, auch und vor allem für die Hunde, die nicht über Dachverbände lizensiert waren.

Eine Fahrt nach Irland ist mit zwei Fahrern, die an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit gehen, in bestenfalls 4-5 Tagen machbar. Sie wird immer kostenintensiver, Verdienstausfälle nicht mitgerechnet. Die Arbeit zu Hause bleibt liegen. Der Bus muss ausgerüstet, gewartet und unterhalten werden. Fähren zu buchen, die einen Bus mit 16 Hunden transportieren, ist fast unmöglich geworden. Auch in Irland müssen sich genügend freiwillige Helfer finden, die mit den Auserwählten zum Tierarzt fahren, um sie reisefertig zu machen. Der Aufwand ist auf beiden Seiten immens.

Warum fahren wir also nach Irland und holen die Hunde selber, wenn sie doch ganz komfortabel, frei bis Bordsteinkante, geliefert werden könnten? Weil wir daran glauben, dass es sich für jeden einzelnen Hund lohnt, aufzustehen und einen weiten Weg zu gehen. Weil es noch mehr wären, die in dunklen Kanälen verschwinden und sterben würden, gäbe es den unabhängigen Tierschutz in Irland und Großbritannien nicht. Und weil durch die restriktiven
Aufnahmebedingungen des RGT für jeden aufgenommenen Greyhound ein namenloser Hund der übrigen 50% verschwindet.

Praktizierte Ethik kann und darf aber weder veräußerlich noch teilbar sein. Diese Aussage sollte bitte nicht so verstanden werden, dass nicht jeder Hund ein Grund zur Freude ist, der es nach Deutschland oder ein anderes Land in eine Familie schafft. Auch soll die Leistung all derer, die sich für RGT-Hunde auf genauso liebevolle und freiwillige Weise einsetzen, in keinster Weise kleingeredet werden!

Es macht für die Tiere keinen Unterschied, welcher Hund wie ein neues Zuhause erhält – sie haben es alle gleichermaßen verdient und für jeden Hund, der aufs Festland kommt, wird in England oder Irland wieder ein Platz frei. Wir sind jedoch der Überzeugung, dass umfassender Tierschutz nicht an selektiven und willkürlichen Grenzen haltmachen darf.

Die Rennindustrie ist weder in Irland noch in Großbritannien in der nächsten Zeit willens oder in der Lage, eine nachhaltige Verbesserung des Tierschutzes zu erwirken oder der Grausamkeiten Herr zu werden, die im Kontext dieser Industrie an den Hunden verübt werden. Aber es gibt weder einen Grund, sich ihrer rigiden Vermittlungspolitik zu beugen, noch die Ärmsten der Armen, die Hunde in den Dog Pounds, Streuner, Alte und Kranke, einfach entsorgte oder nicht lizensierte Hunde zu vergessen. Alle sind Wesen, die unserer Achtsamkeit und unseres Schutzes bedürfen und alle wollen leben. In kleinen Schritten und mit aller zu Ende gedachten Konsequenz kann Auslandstierschutz so die Lebenswirklichkeit einiger Weniger verändern, die sonst kaum eine Chance hätten – auch und gerade weil wir sie nicht alle retten können.

Das ‚Starfish Poem’ erzählt von einem Jungen, der am Strand eine Menge Seesterne findet. Er beginnt, einen nach dem anderen behutsam ins Meer zurück zu werfen, damit er weiterleben kann. Ein älterer Mann beobachtet ihn dabei und belächelt sein Tun: „Ach, lass das doch. Du kannst sie nicht alle retten!“
„Vielleicht kann ich nicht alle retten.

Aber für den einen verändert sich die ganze Welt.“

Quellen:
Homepage des Retired Greyhound Trust: http://www.retiredgreyhounds.co.uk/
Homepage des British Greyhound Racing Fund: http://www.bgrf.org.uk/
Homepage des British Greyhound Racing Board: http://www.thedogs.co.uk/

Interwiew mit Peter Laurie im offiziellen Organ der britischen Buchmacher Bookmakers Office Supplies:
http://www.bosmag.co.uk/old-graders-dont-just-fade-away/

Independent Review of the Greyhound Industry in Great Britain. A Report by Lord Donoughue of Ashton for the
British Greyhound Racing Board and the National Greyhound Racing Club (= Donoughue Report),
http://www.greyhounds-donoughue-report.co.uk